Was geht mit der Ethik im Journalismus?

Boulevardmedien zeigen live einen Terrorakt in Wien und erhalten gleichzeitig jede Menge direkter und indirekter Presseförderung aus Steuergeldern. Das Worldfeed der UEFA hält für Millionen Fernsehzuschauer:innen drauf, während ein Fußballer auf dem Feld zusammenbricht und um sein Leben kämpft. Wieso lassen wir das zu? Und wie kann Journalismus ethischer werden?

Als Studienprogrammleiterin von radiobroadcaster hatten die Vermittlung von Ethik und Moral im Journalismus für mich große Bedeutung. Ich fand es wichtig, den Nachwuchs-Radiomacher:innen diese Themen näherzubringen und hatte das Glück, Referent:innen auszuwählen, denen es genauso ging. Als Medienkonsument:innen waren die Teilnehmer:innen den kommerziellen Aspekten des Vertriebs von Informationen durch Clickbaiting oder der durch Inseratenschaltungen erkauften wohlfeilen Berichterstattung ohnehin schon zur Genüge ausgeliefert. Es waren nicht alles Kommunikationswissenschafter:innen. Daher war es schlichtweg nötig, ihren Blick darauf zu lenken. Das sollte verhindern, dass sie als Konsument:innen manipuliert würden und als Journalist:innen für den kurzzeitigen Erfolg nicht selbst niedrigste Instinkte ansprachen. Jene, deren Karrieren zum Boulevard führten, würden dessen Mechanismen dort ohnehin lernen. Sie sollten jedoch wissen, dass Journalismus auch sauber und mit Anstand praktiziert werden konnte.

Umso bedenklicher ist es, wie gewissenlos und wenig vorbildhaft manche Medien in Österreich agieren – ohne dass es für sie Folgen hat. In den vergangenen Wochen und Monaten sorgten vor allem zwei Anlässe für kurzzeitige Empörung: Das war zum einen die Berichterstattung der Boulevardmedien Kronenzeitung und Mediengruppe Österreich während des Terroranschlags am 2. November 2020 in Wien. Zum anderen war es die Haltung der TV-Stationen beim Zusammenbruch des dänischen Fußballers Christian Eriksen im Fußball-EM-Gruppenspiel Dänemark gegen Finnland. Und mit Fokus auf Österreich speziell jene des ORF.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Was beide Fälle eint, ist, das Sich-Ergötzen an menschlichem Leid, der Voyeurismus. Dass Kameras gezielt zeigen, wie ein Mensch um sein Leben kämpft oder gar sein Leben verliert, kennt man aus Spielfilmen. Dann ist es aber eben auch nur gespielt. In der Live-Berichterstattung über das reale Leben hat das nichts verloren. Die Österreichische Verfassung lässt diesen Punkt zwar ebenso vermissen wie die UN-Menschenrechtskonvention, aber die Grundrechte-Charta der Europäischen Union – zu der bekanntlich auch Österreich gehört – stellt im Artikel 1 unmissverständlich klar: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

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Zu zeigen, wie Menschen zu beweglichen Zielen für einen Attentäter werden, ist schäbig, entwürdigend für die Opfer und nicht zuletzt traumatisierend für jene, denen es ohne Vorwarnung gezeigt wird. Diese Zuseher:innen können immerhin auch Minderjährige, labile Menschen oder Angehörige der Gezeigten sein. Das gleiche gilt für das Abfilmen der Wiederbelebung des dänischen Fußballers. Worin besteht der Mehrwert für Zuseher:innen? In diesem Fall hätte man sich vom Öffentlich Rechtlichen Sender erwarten dürfen, dass er seriöserweise einen Krisenplan in der Schublade hat, wie es auch außerhalb von Pandemiezeiten bei Live-Großveranstaltungen Usus sein sollte, und der Kommentatorin erlauben sollen, ins Studio abzugeben. Dass sie, während sie als erste weibliche Kommentatorin eines Männer-Fußballspiels gerade heimische Mediengeschichte schrieb, gemeinsam mit ihrem Co-Kommentator fünfzehn Minuten lang angehalten war, die von der UEFA an alle angeschlossenen Stationen ausgestrahlten Bilder kommentieren zu müssen, war zumindest verantwortungslos.

Man kann auch wegschalten

Zahlreiche deutsche Medienmagazine haben sich in den Tagen danach dem Thema gewidmet. Darunter die Sendung Breitband im Deutschlandfunk. Darin wurde auf die Eigenverantwortung der Seher:innen hingewiesen. Natürlich ist das legitim. Selbstverständlich kann ich als erwachsener Mensch individuell zur Fernbedienung greifen. Es ändert aber nichts an der ethisch-moralischen Verfehlung der Verantwortlichen. Denn auch wenn einzelne abschalten, gezeigt werden die Bilder immer noch. Damit leisten sie einer Verrohung der Gesellschaft Vorschub.

Die UEFA und Fußballspiele unter unvorhergesehenen Umständen

Bei der EURO2020 zeichnete sich die UEFA nicht gerade aus. Etwa, wenn sich zeigt, wie sehr die Stadien zur Verbreitung der Delta-Variante von Covid19 beitrugen. Jene, die die großen Fußballverbände seit Jahren beobachten, überraschte das nicht. Schließlich hatte der Europäische Fußballverband schon vor Jahrzehnten gezeigt, wie er tickt. Seither scheint sich nichts geändert zu haben. Die Rede ist von der Katastrophe im Heysel-Stadion am 29. Mai 1985. Damals hatte die eingebrochene Stehplatztribüne hunderte Menschen unter sich begraben und Dutzende getötet. Knapp 90 Minuten nach der Katastrophe ließ die UEFA mit Billigung des Brüsseler Bürgermeisters das Europapokal-Endspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool anpfeifen. Viele Fernsehsender, wie das ZDF, verzichteten aus Pietätsgründen auf die Übertragung. Beim ORF war Peter Elstner an diesem Abend für die Live-Sendung verantwortlich. In seinem 2018 erschienenen Buch »Pepi, lass mi eine…!« beschreibt er, weshalb er sich für die Direktübertragung entschied:

Auch Jahrzehnte später ist nicht gesichert, dass mit der Austragung des Spiels eine weitere Katastrophe verhindert wurde. Als Argument muss man es jedoch gelten lassen.

Dabei hat es gute Gründe, weshalb der Medienberichterstattung Grenzen gesetzt sind. Grenzen, die nichts mit Pressefreiheit zu tun haben. Niemand hat behauptet, dass Journalismus einfach ist, nur weil der Zugang zur journalistischen Tätigkeit einfach ist. Daher sollten jene, die ihren Job professionell und seriös ausüben möchten, auf Widrigkeiten vorbereitet sein. Dazu zählt aber eben auch das Abwägen: Was ist für die Berichterstattung unerlässlich zu zeigen, und was kann ich vielleicht auch weglassen? Was muss ich weglassen? Jene, die draufhalten, sollten sich fragen: Will ich das von mir gezeigt sehen? Will ich, das meine Eltern, mein Partner, meine Partnerin, mein Kind im Todeskampf live zu sehen ist? Jene, die es bisher gemacht haben, werden diese Frage vermutlich mit Ja beantworten. Jene mit Gewissen, die sich nicht sicher sind, ob sie damit Grenzen überschreiten, könnten im Medienrecht nachschlagen, bei Medienanwält:innen nachfragen oder den Ehrenkodex der österreichischen Presse zu Rate ziehen. Sofern er nicht gerade kaputt ist, können sie sich aber auch vom eigenen moralischen Kompass leiten lassen.

„Wer nichts weiß, muss alles glauben!“

— Marie von Ebner Eschenbach

Während sich manche Journalist:innen unschlüssig sind, wie weit sie gehen können und dabei für den Job und aufgrund des redaktionellen Drucks Bedenken über Bord werfen, dürfen sich Medienkonsument:innen medienethisches Handeln erwarten. Schließlich ist Medienkonsum erlerntes Verhalten. Rein aus Gewohnheit wird das Kleinformat oder das bunte Blatt in Print oder online gelesen oder werden die Videos geschaut. Irgendetwas an den Inhalten des Boulevards triggert bestimmt. Dass vieles davon gar nicht stimmt und nachträglich korrigiert wird oder vor Gericht landet, bekommen die durchschnittlichen Konsument:innen gar nicht mit. Vielfach zeigen sie sich schon über Schlagzeilen erbost, die kurioserweise manchmal genau das Gegenteil dessen beschreiben, das im Text steht. Das hat nichts mit Dummheit zu tun, sondern mit mangelnder Bildung bzw. schlicht mit mangelnder Medienkompetenz.

Zuerst das Geld, dann die Moral

Wer auf Seiten der Medien anzweifelt, ob es notwendig ist, Regeln der Informationsverbreitung zu beachten, die er nicht selbst aufgestellt hat, hat zumindest menschlich schon verloren. Einen schleichenden moralischen Niedergang nannte es Falter-Chefredakteur Florian Klenk einmal. Noch ein paar Jahrzehnte früher stellte Bertolt Brecht in der „Dreigroschenoper“ fest „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Beim Boulevard ist es zuerst das Geld und dann die Moral. In jedem Fall fehlt es an Anstand. Eine Mindestforderung an den Boulevard müsste vor diesem Hintergrund sein, für das Geschäft nicht über Leichen zu gehen. Zumindest sollte es Druckmittel geben, damit gewisse Geschäftsmodelle in der Medienbranche das geltende Recht nicht gänzlich ad absurdum führen.

Ansetzen, wo es richtig weh tut

Die Fußball-Europameisterschaft der Männer geht nun bereits ihrem Ende zu. Sobald sie vorbei ist, werden in der Nachbereitung zu den diversen Sündenfällen der UEFA auch die Bilder vom ersten Gruppenspiel der Dänen wieder Thema sein. Im Augenblick sind sie jedoch ebenso von der Agenda verschwunden, wie die Bewegtbilder des Boulevards vom Terroranschlag in Wien. Das Publikum vergisst schnell. Das wissen auch die Medienhäuser. Für sie wird ihr Handeln außer einer Rüge des Presserats keine Konsequenzen haben. Im Gegenteil: Es gibt für sie wohl wieder einen Geldregen, ähnlich dem im Vorjahr. 2020 konnte die Kronenzeitung knapp 26 Millionen Euro an Regierungs-Inseraten lukrieren. Zusätzlich gab es noch 2,7 Mio Euro Sonder-Presseförderung in der Pandemie oben drauf. Die Mediengruppe Österreich musste sich mit knapp 16 Mio Euro an Inseraten begnügen und erhielt 2 Mio Euro Corona-Sonder-Presseförderung.

Genau das sollte es künftig nicht mehr geben. Natürlich ist es Wunschdenken und geht an der Realität vorbei. Solange der Boulevard gegenüber der Regierung seiner Hofberichterstattung nachkommt, solange wird ebendiese Regierung in den von den Steuerzahler:innen gefüllten Geldsack greifen und dessen Inhalt wie ein Füllhorn über ihn ausschütten. Daher sind es auch nur Überlegungen, was es in einer fiktiven von Anstand geprägten Gesellschaft bräuchte, Journalismus ethischer zu machen:

  • Jenen, die mit ihrer Berichterstattung den größten Einfluss auf das Wahlvolk haben, müsste der allzu offene Geldhahn zugedreht werden.
  • Die Politik müsste auch tatsächliche Korrekturen bei der bestehenden Medienförderung vornehmen, die seriöse Medienbetriebe im Wettbewerb nicht mehr benachteiligen. Wiederkehrende kurzfristige Diskussionen über Änderungen, die ergebnislos bleiben, sind nicht zielführend.
  • Es bräuchte spielerische Medienerziehung ab dem Kleinkindalter. Kinder kommen immer früher mit Medien in Berührung. Sie sollten nicht nur über den Umgang mit der dazugehörigen Technik Bescheid wissen, sondern auch Manipulation erkennen.
  • Die Kundin ist Königin gilt auch beim Medienkonsum. Medienkonsument:innen sollten sich ihre Macht bewusst machen und Medienethik einfordern.

Wie wichtig ist dir Ethik im Journalismus? Hast du Verbesserungsvorschläge? Dann schreib sie doch in die Kommentare!

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