Sportlerinnen bleiben medial weiter draußen

Das große Öffnen hat begonnen. Vielerorts atmen die Menschen auf. Endlich dürfen sie wieder ungezwungen ins Freie, zu Treffen, zu Veranstaltungen und auf Reisen. Natürlich sofern sie die 3-G einhalten. In Wien betrifft das vor allem »genesen« und »getestet«. Auf »geimpft« müssen Zigtausende aufgrund einer fehlerhaften Planung der Bundesregierung bezüglich Impfdosen und trotz anderslautender Versprechen des Regierungschefs noch viele Wochen warten.

Neben den Kulturstätten haben nun auch die Sportstätten wieder geöffnet. Bei letzteren ist im Profibetrieb aber alles beim Alten. Es ist genau wie während des Jahres der Pandemie. Sieht man sich die Sportseiten der Online-Portale oder die Printausgaben der Tageszeitungen an, fällt auf, dass Sportlerinnen schlicht nicht vorkommen.

Bestens geeignet für eine entsprechende Analyse ist ein gewöhnlicher Montag nach einem ereignisreichen Sportwochenende. Dabei kann eins den gewohnt misogyn wirkenden Boulevard, wie die Kronenzeitung, aussparen. Für mehr als Kurznotizen reicht das Wissen um Leistungssportlerinnen in deren Redaktion kaum einmal. Besser geeignet sind der Standard, dessen Sportredaktion zwar ebenfalls eine Frau vermissen lässt, aber dessen andere Redaktionen gewöhnlich ein entspannteres Verhältnis zu Frauen zu haben scheinen sowie Die Presse, die häufiger auch Sportlerinnen Platz einräumt.

Die aktuellen Beispiele von heute decken sich mit der Berichterstattung des vergangenen Jahres bzw. in manchen Fällen läuft es seit vielen Jahren so. Man sollte nicht meinen, dass wir uns in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts befinden. Bezüglich Ausgrenzung von Frauen lassen die 1950er Jahre grüßen. Hier hebt sich speziell der – auch von Frauen über Gebühren finanzierte – ORF-Teletext stark ab. Der Sport widmet sich hier seit Jahren so gut wie ausschließlich männlichen Athleten.

Wann schaffen es Sportlerinnen in die Medien?

Auch wenn die Leistung stimmt, ist das noch keine Gewähr für Leistungssportlerinnen, Eingang in die Medien zu finden – es erhöht lediglich die Chance. Es bedarf schon der Optik oder wahlweise der – aus männlicher Sicht – fehlenden Optik oder auch einer gewissen Empörung. Der jüngste Fall betrifft bekanntlich Tennisspielerin Naomi Osaka. Die Japanerin hat sich zum Leidwesen der vornehmlich männlichen Sportjournalisten erdreistet, Medientermine einfach nicht mehr wahrnehmen zu wollen. Letztlich hat sie aufgrund des Wirbels ihre Teilnahme an den derzeit laufenden French Open abgesagt. Die Fans waren begeistert ob ihrer Courage, Medienvertreter sahen es als persönlichen Affront. Und das, obwohl sie seit Ausbruch der Pandemie in ihrem jeweiligen Medium kaum einmal ein Wort über die Zweitplatzierte der Tennis-Weltrangliste verloren hatten. Sie sollte ihnen während des Bewerbes den Tanzbären machen. Danach wollten sie sie, so die Mutmaßung nach dem bisherigen Vorgehen, wieder unerwähnt lassen.

Weg aus dem aktiven Sport

Interessant werden Sportlerinnen für die meist männlich besetzten Sportredaktionen vielfach, wenn sie scheitern, wie etwa Tennis-Ikone Serena Williams bei den French Open, wenn sie schon in jungen Jahren erfolgreich sind, wie Williams 17-jährige Landsfrau Cori Gauff, oder wenn – speziell als attraktiv angesehene – Sportlerinnen viele Jahre nach Ende ihrer aktiven Karriere auf die eine oder andere Art Gesprächsstoff liefern. Somit lassen sie sich augenfällig auf den Gossip-Seiten präsentieren.

»Sie haben wahrscheinlich recht. Ich spreche aus der Sichtweise eines Mannes und vielleicht ist mir da die Perspektive der Frau nicht ganz bewusst.« Das war jüngst die Antwort eines Anrufers bei der Ö1-Sendung »Punkt Eins« zum Thema »Gender-Stern, Binnen-I oder Unterstrich«. So lange Sport-Redaktionen fast ausschließlich Männer beschäftigen, bleibt der von Frauen ausgeübte Sport zwangsweise auf der Strecke. Die Sportjournalisten haben ihre eigenen Interessen im Fokus. Und diese drehen sich meist um Männersport und wohl weniger um Frauensport. Es ist nicht auszuschließen, dass es für manch männliches Ego einer Degradierung gleichkommt, statt über ein Autorennen oder die Herren-Fußball-Europameisterschaft über Sportlerinnen berichten zu müssen.

Einen Schritt weitergedacht

Was heißt das für kommende Generationen? Was für die Forschung? Uni-Absolvent:innen suchen sich die großartigsten Themengebiete für ihre Arbeiten. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, was sich online etwa an Abschlussarbeiten an der Uni Wien findet.

Hätte ich heute noch einmal eine Diplomarbeit – oder jetzt Magisterarbeit – in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Sport zu schreiben, ich würde mir die Arbeit erleichtern und ein Thema rund um Sportler wählen, aber bestimmt nicht um Sportlerinnen. Geeignet wäre etwa »Die Print- und Online-Berichterstattung über österreichische Leistungssportler in der Pandemie«. Dazu finden sich bestimmt genügend Unterlagen. Athletinnen würde ich wohlweislich unberücksichtigt lassen. Weil es schlichtweg einfacher ist. Wo sollte eins Informationen über Sportlerinnen in der Pandemie hernehmen? In der Berichterstattung wurden sie ausgespart, wie bereits hier nachzulesen war.

Was wären nun die Folgen? Für die Forschung hieße das eine weitere ausschließlich auf Männer ausgerichtete Untersuchung zum Thema Sport. Für die Gesellschaft aber heißt das, dass die Begeisterung im Nachwuchs fehlt. Mit welcher Begründung sollten Mädchen und junge Frauen in den Leistungssport gehen? Etwa mit jener, die ihnen erklärt: Du wirst nie soviel verdienen, wie dein männliches Gegenüber, aber du kannst berühmt werden!

Ja, berühmt können sie werden. Wenn sie selbst dafür sorgen, aus sich auf Social Media Kanälen eine Marke zu machen. Auf die Massenmedien, die ihre sportlichen Leistungen würdigen könnten, sollten sie dabei allerdings nicht vertrauen.

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