Was bleibt von der WEURO 2022 für Österreich?

Die WEURO 2022 ist also geschlagen. Mit England als würdigem Siegerteam vor einer Rekordkulisse von 87.192 Zusehenden. Die einzige Elf im Übrigen, die vom ersten bis zum letzten Tag des Turniers gespielt hat. Bevor das 2:1 nach Verlängerung im Finale gegen Deutschland zum ersten Europameistertitel reichte, hatten die Lionesses im Eröffnungsspiel Österreich mit 1:0 geschlagen. Rückblickend ist das eine Leistung der Fuhrmann-Elf, die eins nicht genug würdigen kann. Vor allem heimische Verbände, Medien und Politik.

Enttäuschte Erwartungen

Womit wir auch schon mitten im Thema sind. Das österreichische Sommermärchen 2017 des rot-weiß-roten Teams wurde kurzzeitig als Startschuss für Großes gefeiert. Damals war bekanntlich erst im Halbfinale Endstation (- das übrigens von Kateryna Monzul geleitet wurde, genau wie das diesjährige Finale zwischen England und Deutschland). Alle Erwartungen an eine breitere Beachtung von Frauen im Fußball, im Profisport allgemein oder ihrer Leistungen für das Land wurden enttäuscht.

Wie sieht es aber jetzt – nach der WEURO 2022 – aus? Für eine Einordnung ein paar Zahlen – und zwar die Quoten des ORF bei der Übertragung der Partien des ÖFB-Teams.

Das erwähnte Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus England war am 7. Juli das Quoten-Highlight von ORF 1 und besetzte die ersten drei Plätze.

Das gleiche sicherten die ÖFB-Frauen dem ORF am 11. Juli mit dem 2. Gruppenspiel gegen Nordirland, wenn auch mit ein wenig niedrigeren Zuseher:innenzahlen.

Endgültig abgeholt war das Publikum mit dem alles entscheidenden dritten Spiel gegen Norwegen, bei dem es am 15. 7. um Aufstieg oder Heimflug ging.

Noch einmal fesselten am 21. 7. Fußball spielende Frauen mitten im Hochsommer abends beinahe ein Millionenpublikum – beim Viertelfinalspiel gegen die späteren Finalistinnen aus Deutschland.

Geringfügig weniger sahen schließlich das Finale ohne rot-weiß-rote Beteiligung; wohlgemerkt an einem Vorabend und nicht im Hauptabendprogramm.

Was als sicheres Zeichen dafür gelten darf, dass Fußball auch dann geschaut würde, wenn es von Frauen betrieben wird. Allein: Es fehlt die mediale Aufmerksamkeit.

Wie steht es aber um die Berichterstattung zur EURO 2022 allgemein?

Die Nachlässigkeit der vergangenen Jahre in den heimischen Sportredaktionen rächte sich während des Turniers gnadenlos. Rezipient:innen, die sich schon davor mit von Frauen ausgeübtem Fußball auseinandergesetzt hatten, wussten, wo sie seriöse Informationen herbekamen. (Ja, es ist immer der gleiche Sport mit den gleichen Regeln. Er bedarf keines Zusatzes, der ihn versucht als „Frauenfußball“ klein zu reden.) Die großen bzw. überregionalen wie auch regionalen Tageszeitungen – mit Ausnahme von Presse und Salzburger Nachrichten, die ausgewiesene Expertinnen berichten ließen – waren heillos überfordert.

Besonders gut zu sehen war das etwa zuletzt bei der Vorberichterstattung zum Finale in Wembley. Der bekanntlich männlich dominierten Sportredaktion der Kronenzeitung gelang es nicht, einfach über das deutsche und das englische Team zu berichten. Der zuständige Redakteur musste den Spielerinnen quasi zwingend die Männer gegenüberstellen. Als könnten Frauen im Sport nicht für sich alleine stehen. Die auflagenstärkste Zeitung des Landes hat hier noch enormen Aufholbedarf, um es freundlich auszudrücken.

Auch wenn es eins kaum für möglich hält: Noch ahnungsloser war die Sonntagsausgabe von „Österreich“. Das Billigblatt hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, herauszufinden, um welche Sportart es geht und titelte „Frauen-Euro 2022“. Ganz so, als wäre Frauen ein Sport. Spoiler: Sind sie nicht – Und natürlich mussten auch hier die Männer erwähnt werden, weil … siehe oben!

Kaum hatte England gewonnen, waren die Online-Portale der Tageszeitungen erwartungsgemäß voll mit Berichten dazu. Vielfach wurde die Zusammenfassung der APA herangezogen. Nicht jedoch bei der Presse, wo seit langem eine Ex-Fußballerin und langjährige Sportjournalistin zeigt, wie gut und sicher sie ihren Job beherrscht.

Zumeist war es für die Redaktionen aber anscheinend einfacher, das Endergebnis mit der englischen Torschützin Chloe Kelly beim entscheidenden 2:1 zu bebildern. Das galt überraschenderweise nicht nur für den Boulevard, der offenbar davon ausgeht, dass seine Zielgruppe mit heraushängender Zunge nach wenig bekleideten Frauen lechzt, sondern auch für seriösere Blätter. Wie die jeweiligen Redaktionen die Artikel zum Ergebnis des Finales bebilderten, zeigt nichts weniger, als deren Wahrnehmung des Sports bzw. der Athletinnen.

Reaktionen der Politik

Seitens der Politik gibt es bislang kein Zeichen, das hoffnungsfroh stimmen könnte. Mehr als ein Hinweis auf das Eröffnungsspiel in Verbindung mit der Erwähnung, dass man die Förderungen für – die über Jahre ignorierten – Sport treibenden Frauen erhöht hätte, gab es kurz vor Turnierbeginn von höchster Stelle nicht. An dieser Stelle sei nun ebenfalls der Vergleich herangezogen: Anders als bei Fußball spielenden Männern blieb die Politik während der EURO 2022 auf relevanten und öffentlich einsehbaren Kanälen völlig still.

Mehr Aufmerksamkeit für Fußballerinnen in Österreich

Wenn die heimischen Fußballerinnen in den nächsten Wochen erhöhte Aufmerksamkeit bekommen werden, dann bestimmt nicht, weil sich der vor der EURO kurzzeitig selbstkritische ÖFB für sie einsetzt. Vielmehr ist das den Partien in der Qualifikation für die WM 2023 geschuldet. Und dazu trifft das ÖFB-Frauenteam bereits in weniger als fünf Wochen – am 3. September – daheim in Wiener Neustadt auf die nunmehrigen Europameisterinnern aus England. Wie es danach mit Unterstützung und Sichtbarkeit weitergeht, bleibt abzuwarten.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.