Eine kleine Erinnerung – Elfriede Datzig zum 100. Geburtstag

Die Figur des Wiener Mädels ist eine Stereotype oder ein Klischee. Eingeführt von Arthur Schnitzler und von den Regisseuren Willi Forst und Ernst Marischka zur Vollendung gebracht. Unter den Schauspielerinnen, die wussten, es zu verkörpern, war auch Elfriede Datzig. Und das nur für einen kurzen Zeitraum; altersbedingt ausgerechnet während des Nazi-Regimes. Vom breiten Publikum längst vergessen, wäre sie genau heute 100 Jahre alt.

Elfriede Datzig Applaus

Eine der größten Lügen ist es, auf Grabsteine »auf ewig unvergessen« zu schreiben. Wir vergessen Menschen. Wir vergessen sogar jene, aus unserem nächsten Umfeld nach ihrem Tod – wenn nur genügend Zeit vergangen ist. Erst recht erinnern wir uns irgendwann nicht mehr an Menschen, die auf die eine oder andere Weise kurz in unserem Leben vorbeischauen, aber tatsächlich nichts damit zu tun haben. Künstler:innen beispielsweise. Schauspieler:innen aus lange vergangenen Dekaden; aus den Anfängen des Films etwa. Elfriede Datzig ist solch eine vergessene, weil viel zu früh verstorbene, Künstlerin.

Wikipedia listet für die am 26. Juli 1922 in Wien geborene Elfriede Datzik, wie sie sich ursprünglich schrieb, zwischen 1938 und 1944 ganze 16 Filme auf. Ihre Schauspielkarriere hatte allerdings schon früher begonnen: Auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt. In dessen Archiv findet sich ihr Name auf der Besetzungsliste von »Pariserinnen« bereits im Mai 1937. Damals war sie gerade einmal 14 Jahre alt. Der Josefstadt blieb sie, mit Unterbrechungen an der Scala (etwa hier 1937 an der Seite des späteren Victor-László-Darstellers Paul Henreid) und am Volkstheater, auch neben ihrer Arbeit beim Film treu. Sie spielte hier etwa 1938 in Hermann Bahrs »Wienerinnen« und stand im Jahr darauf in Nikolai Gogols »Der Revisor« und in »Die Trutzige« von Ludwig Anzengruber auf der Bühne.

Ihre Figur war meist ein temperamentvolles, charmantes und natürlich auftretendes junges Mädel. An ihrer Seite fanden sich die beliebtesten jugendlichen Helden der Zeit, wie O. W. Fischer (Sieben Briefe, Meine Tochter lebt in Wien, Anton, der Letzte), Hans Holt (Schwarz auf Weiß) oder Wolf Albach Retty (Reisebekanntschaft). Und immer wieder Hans Moser; zumeist als Vater oder in anderer Beschützerrolle. Wobei die heiteren Spielfilme, in denen sie mitwirkte, keine reinen Propagandafilme waren. Aufgrund des Datums ihres Erscheinens und der Zensur der Nazis sind diese Filme aber natürlich nicht als grundsätzlich unbedenklich einzustufen.

Genau wie auf der Bühne blieben Elfriede Datzig auch im Film die großen Rollen versagt. So oft sie in einer Szene erschien, war sie jedoch präsent. Deshalb überrascht es vielleicht, bei einem Blick auf die Besetzungsliste zu sehen, dass sie zumeist Nebenrollen spielte. Ihre Zeit sollte erst noch kommen. Die wenigen Interviews, die es von ihr gibt, lassen zumindest annehmen, dass sie sich auf Größeres freute. Sie hätte gerne ernste, schwere Rollen gespielt; vermutlich im Alter, lange nach dem Krieg. Es sollte nicht dazu kommen.

Nach ihrer Heirat mit dem Schauspieler Albert Hehn am Weihnachtsabend 1943 wurde sie rasch Mutter. Ihren Sohn konnte sie jedoch nicht mehr aufwachsen sehen. Wenige Monate nach Kriegsende starb Elfriede Datzig am 27. Jänner 1946 infolge einer Penicillin-Allergie. Sie wurde nur 23 Jahre alt. Erst einen Monat später wurde ihr Tod publik gemacht. Noch im November des gleichen Jahres war ihr Ableben offenbar noch immer nicht allen Zeitungen und Zeitschriften bekannt.

Die Erinnerungsstücke an sie sind spärlich. Neben den in der Nationalbibliothek archivierten Artikeln zu ihrer Person finden sich auf einigen Online-Plattformen noch Spielfilme mit ihr. Selten werden diese auch im linearen Fernsehen gezeigt. Was davon bleibt, sind nicht die Plots der Filme, sondern die Lebensfreude in der Darstellung Elfriede Datzigs. An sie sollte man sich erinnern. Sie sollte unvergessen sein.

Szenenausschnitt: „Hotel Sacher“ (1939)

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