Männerdominierte Weihnacht überall

George Bailey, John McClane, Kevin McCallister – was sind das doch für tolle Frauen! Wie? Das sind keine Frauen? Genau das dachte ich mir auch, als ich das diesjährige Programm des linearen Fernsehens durchsah. Wieso ist Weihnachten im Film derart männlich dominiert? Wo sind die Frauen zu Weihnachten? Haben die gar nichts zu sagen? Müssen sie nur leiden (wie Kevins Mum) oder um den Liebsten bangen (wie Holly Gennero – Wer mit dem Namen nichts anfangen kann: das ist der Rollenname von John McClanes Frau)? Ich habe im folgenden keine Antwort parat, aber ich versuche, es ein wenig zu ergründen.

Ist das leben nicht schön?

»Ist das Leben nicht schön?« bzw. »It´s A Wonderful Life« ist seit mehr als 75 Jahren ein Dauerbrenner im US-Fernsehen zu Weihnachten. Der Film wird als schönster Weihnachtsfilm überhaupt gehypet. Sei´s drum. Ich kann damit nicht viel anfangen. Es geht um das Leben eines Mannes, in dem Frauen nur Nebendarstellerinnen sind und er Hilfe von einem anderen Mann – in Form eines Engels – bekommt. Warum dominiert dieser Film in diesem Jahr nun auch im deutschen Sprachraum das Programm zu den Weihnachtsfeiertagen? Nach den schwierigen vergangenen Jahren, in denen Frauen bekanntlich unsichtbar gemacht wurden (ja, ich beklage es zum wiederholten Male), ist auch das TV-Programm zu Weihnachten in diesem Jahr männerdominiert. Und da sind die Spielfilme, in denen es um den von Coca Cola erfundenen Weihnachtsmann geht, noch gar nicht berücksichtigt!

Kevin und Ebenezer

Sehen wir doch kurz ins Programm: »Stirb langsam« (»Die Hard«) Teile 1 – 5 (oder waren es noch mehr?), alle Verfilmungen um den kleinen Kevin McCallister, beginnend mit »Kevin – Allein zu Haus« (»Home Alone«) und natürlich die verschiedensten Versionen von Charles Dickens »Weihnachtsgeschichte«. Auch wenn ich die überaus unterhaltsame Version »Scrooged – Die Geister, die ich rief« vor vielen Jahren als meine Nummer 1 unter den Weihnachtsfilmen bezeichnete: Unterm Strich geht es doch auch hier wieder um einen Mann.

Love Actually

Nicht zu vergessen der Dauerbrenner: »Tatsächlich…Liebe«. Mit Blick auf die Frauenrollen könnte eine grantig werden. Es geht genau besehen um die Figuren von Hugh Grant (Premierminister), Colin Firth (Schriftsteller), Liam Neeson (trauernder Witwer mit Stiefsohn) und Bill Nighy (alternder Sänger). Man möchte keinen von ihnen missen, aber es drängt sich die Frage auf, was wohl der Urgroßvater von Richard Curtis´ Ehefrau (Sigmund Freud) zu dessen auf die männlichen Figuren fixierten Drehbuch gesagt hätte.

Hallmark-Dutzendware zu Weihnachten

Diese vielen Filme haben ihre Berechtigung. Es soll sie geben. Genau, wie es den »Polarexpress« oder Klamauk à la »Santa Clause« geben darf. Alle diese Filme haben ihr Zielpublikum. Warum aber spielen Frauen zu Weihnachten grundsätzlich keine Rolle? Warum sollten sie nur eine Berechtigung in den Dutzenden Hallmark-Filmen haben, die den Markt jedes Jahr aufs Neue überschwemmen? Mit dem dominierenden Plott übrigens, dass eine Frau ihr gewohntes Umfeld verlässt und an einem anderen Ort den Mann fürs Leben findet. Es geht natürlich auch immer darum, das Klischee zu bedienen, dass die Frauen für andere da sind. Spätestens in diesem Jahr erreichten die deutschen Versionen dieser Filme auch private TV-Sender und wurden in den Tagen vor dem Fest auf den Sendern RTL und Super RTL hinauf und hinunter gespielt.

Weihnachtsfilme mit tragenden Frauenrollen

Dabei ist die Erwartungshaltung gar nicht so groß. Es geht nicht darum, dass eine Frau in einem Weihnachtsfilm die Welt rettet. Es soll nur nicht zwingend ein Mann im Mittelpunkt stehen. Es darf die Welt zur schönsten Zeit des Jahres auch aus dem Blickwinkel einer Frau erzählt werden. Und jetzt kommt das Umwerfende: Es gibt Filme mit tragenden Frauenrollen! Deren Nachteil ist allerdings, dass sie derart alt sind, dass sie noch in schwarzweiß gedreht wurden und für sie angesichts später entstandener Bewegtbildwerke dieser Tage kein Platz im Fernsehprogramm ist.

Selbstbewusst wie Barbara Stanwyck

Meine diesjährige Vorweihnachtszeit etwa musste ich daher abseits vom linearen TV einläuten – mit Barbara Stanwyck und »Christmas in Connecticut« (USA 1945). In dem Film muss eine erfolgreiche und unverheiratete Journalistin anderen ein Leben vorgaukeln. Wobei genau dieses Leben einer Familienmutter die Fassade ist, die sie bisher ihrem Chef vorgespielt hat, um den Job überhaupt zu haben.

Remember The Night

Weihnachtsfilme müssen zwangsläufig ein Happy End haben. Sie dürfen anrühren und sentimental sein. Am Ende müssen aber alle Hindernisse überwunden sein bzw. das Paar sich bekommen haben. Nicht so bei »Remember The Night« (USA 1940). In der Hauptrolle ist auch hier Barbara Stanwyck zu sehen. Es geht um sie und ihr überraschendes Weihnachtsfest. Um sich hat sie dabei neben einem netten und gut aussehenden Mann (Fred MacMurray) auch liebenswerte ältere Damen. Genau betrachtet, sind außer diesem einen Mann alle anderen nur Beiwerk, Staffage, wie man es gewöhnlich umgekehrt von männerdominierten Weihnachtsfilmen kennt.

Männer und Frauen auf Augenhöhe

In »Miracle on 34th Street« (»Das Wunder von Manhattan«; USA 1947) geht es um den Weihnachtsmann, der – vertreten von einem männlichen Rechtsanwalt – vor Gericht beweisen muss, ob er der ist, der er behauptet zu sein. Der – übrigens auch zusätzlich eingefärbt verfügbare – Film lässt aber noch andere Lesarten zu. Wie hier beschrieben, ist eine wesentliche Rolle die einer alleinerziehenden Frau in leitender Funktion. Hier stehen einander weibliche und männliche Fuguren auf Augenhöhe gegenüber.

»Aber da sind doch noch die Sissi-Filme!«

Ja, die Sissi-Trilogie gehört zu Weihnachten wie das Singen von »Stille Nacht«. Und ja, hier steht die titelgebende Protagonistin im Mittelpunkt. Es tut mir auch leid, das sagen zu müssen: Aber das macht die Sissi-Reihe noch nicht zu Weihnachtsfilmen!

Weihnachten mit Michael Curtiz

Es ist eine Tradition. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht daraus entstanden, dass Kaiserin Elisabeth an einem 24. Dezember geboren wurde. Wenn das von Bedeutung ist, dann könnte man schon allein aus Bequemlichkeit eine Tradition daraus machen, jede Weihnachten Filme von Mihály Kertész (Michael Curtiz) zu zeigen. Der in die USA emigrierte Regisseur wurde ebenfalls an einem Heiligen Abend geboren und zeichnete verantwortlich für Weihnachtsfilme wie »White Christmas« und »We Are No Angels« (»Wir sind keine Engel«). Wobei das natürlich wieder die Einstellung von Programmverantwortlichen bedienen würde, Filme mit tragenden Männerrollen zu zeigen.

Linearem TV den Rücken kehren

Welch ein Glück ist es da, in Zeiten wie diesen zu leben! Niemand ist mehr ausschließlich auf lineares (Bezahl-)Fernsehen angewiesen. Vor allem, wenn es so uninspiriert daherkommt und nur jene bedient, die zu Weihnachten ohnehin mehr Zeit miteinander verbringen: Die Kinder, die Familien. Sie werden mit Weihnachtsfilmen angesprochen »Weil es immer so war!«. Es wäre für die Programmverantwortlichen bei TV-Stationen nun aber hoch an der Zeit, an das Publikum zu denken, für das Fernsehen in der angeblich schönsten Zeit des Jahres ein Anker ist. Jene, die allein sind und sich mit Spielfilmen ein Leben vortäuschen möchten. Die für einen Augenblick vergessen möchten, dass sie nicht oder nicht mehr Teil einer Familie sind. In in Gefühlsduselei eingetunkte Sendungen wie »Licht ins Dunkel« mit einem Tränchen im Augenwinkel über die Einsamkeit zu lamentieren ist nicht genug. Die Menschen werden älter und die Zahl der Alleingelassenen und der Einsamen nimmt zu. Vielleicht kann lineares TV für sie in diesen wenigen Tagen ein Fenster öffnen. Ein Fenster in eine längst vergangene Zeit ihrer Eltern und Großeltern. Damals wurden sogar im deutschen Sprachraum an Weihnachten gemahnende Filme mit weiblichen Hauptdarstellerinnen gedreht:

Jene mit Kindern könnten hingegen auf kostenpflichtigen Stream zurückgreifen, sofern sie dem nicht ohnehin Gesellschaftsspiele oder das Spielen auf der Play Station vorziehen.

Mich hat lineares TV im Übrigen aufgrund des überdeutlichen Männerüberhangs schon lange verloren. Zu den Feiertagen schaue ich daher neben DVDs auch alte Weihnachtsfilme in der entsprechenden Rubrik im Internet-Archiv … oder noch besser: Ich lese – umgeben von Stille – ein gutes Buch von einer Schriftstellerin!

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