Eine Frage der Perspektive

Foto: Karin Fenz

Was bedeutet APA? In Österreich muss man vermutlich keine Journalistin sein, um spontan zu sagen: Austria Presse Agentur! – Aus lokaler Sicht ist das korrekt. Der @APA-Account auf Twitter allerdings hat mit der Nachrichtenagentur genau gar nichts zu tun. Dahinter steckt vielmehr die Amerikanische Vereinigung der Psychologen, die American Psychological Association. Und was ist mit dieser APA? In diesem Fall steckt dahinter die Audio Publishers Association – der Dachverband der US-Audioverlage. Diese Liste ließe sich vermutlich noch beliebig weiterführen. Etwas steht für etwas, von dem man meint zu wissen, was es ist.

Das trifft etwa auch auf das Wort „je“ zu. In einem deutschsprachigen Text erinnert es vielleicht sofort an den klassischen je-desto-Vergleich: „Je mehr ich esse, desto dicker werde ich.“ Anders ist es für eine Französin. Sie erkennt darin vermutlich sofort das „Ich“ in ihrer Sprache. Und um es noch komplizierter zu machen: Eine Niederländerin sieht darin ein „Du“.

Auch wenn es kompliziert klingt, es geht nicht um Erlerntes, Gewohntes oder um irgendwelche Assoziationen. Es geht schlicht und einfach um die Perspektive. Es geht um die Position von der aus wir etwas wahrnehmen. Daran ist nichts Falsches. Das ist nur natürlich. Es wird aber spätestens dann zweifelhaft, wenn ich die Position von jemand be- oder ver-urteile, wenn er oder sie etwas nicht von meiner Warte, aus meiner Perspektive sieht. Das passiert etwa derzeit zum wiederholten Male (oder gab es nie eine Pause?) in den USA, wo Weiße meinen, sie müssten Schwarzen deren Sicht der Dinge aberkennen oder diese zumindest in Zweifel ziehen. Reflexartig kommt an dieser Stelle dann auch der Hinweis auf die freie Meinungsäußerung: „Darf ich jetzt nicht einmal mehr meine Meinung dazu sagen?“ Natürlich. Aber das dürfen auch alle andere. Die Meinungsfreiheit gilt für alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe oder Herkunft. Das bedeutet aber auch, dass das Gegenüber – ebenfalls gleich welcher Hautfarbe und das schließt PoC ein – die Meinung nicht hören und nicht akzeptieren muss.

Wer nie in meinen Schuhen gegangen ist, kennt meinen Weg nicht

Mit einem derartigen Tunnelblick aus der eigenen Perspektive lässt sich auch nie eine Lösung finden. Jede Unternehmerin „zieht sich die Schuhe der Kunden an“. Dadurch, dass ich auf die andere Seite wechsle und mir überlege, was eine fiktive Kundin von meinem Fachwissen, meinen Kenntnissen benötigen könnte, kann ich erst meine Zielgruppe definieren. Das gehört zum 1×1 für Selbständige. D. h., wenn ich mir ausmale, was mein Gegenüber brauchen könnte, womit ich ihr oder ihm in der individuellen Situation helfen kann, lässt sich auch mein Angebot bestimmen. Dazu gehört aber auch die Offenheit, es überhaupt zu versuchen, sich in andere hineinzuversetzen. Wir holen Menschen in unterschiedlichen Lebensentwürfen, in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichen Erwartungen ab.

Welche Frau kennt es nicht: Männer, die ihr sagen, wie sie die Welt zu sehen habe! Und damit ist nicht etwa eine Konversation gemeint, sondern schlicht Medienkonsum. Wir lesen als Frauen Zeitungen – Print oder Online – sehen oder hören Informationssendungen und erleben die Welt fast ausschließlich aus Sicht der Männer. Sport beispielsweise wird uns – zum Teil gegen Bezahlung – aus Sicht der Männer und mit ebenfalls meist ausschließlich männlichen Protagonisten vermittelt. Es gilt beinahe schon wieder als ausgemacht, dass Sport gefälligst eine männliche Domäne ist. Frauen werden dieser Tage nur erwähnt, wenn sie etwa zurücktreten (Anna Veith), einen runden Geburtstag haben (Venus Williams) oder in einem Klub Verantwortung übernehmen (Nina Burger). Die Position, die Perspektive von an Sport interessierten Frauen wird komplett ausgespart. Männer begeben sich gewöhnlich nicht in diese Position. Es gibt kein: Wo sind die Frauen? (Wie es übrigens auch kein: Wo ist Diversität? Wo sind PoC? gibt.)

Das ist keine Anklage, das soll auch keine Schuldzuweisung sein. Schließlich wissen Frauen, wie rasch ein männliches Ego zu kränken ist, wenn es auf einen Mangel aufmerksam gemacht wird. Es soll vielmehr eine Erinnerung und ein Bewusstmachen sein. Nehmt andere Positionen ein! Es kann nicht sein, dass Männer hergehen und erklären: Okay, Rapid hat sich bei allen Frauen für das sexistische Transparent entschuldigt, nachdem es lange keinem Verantwortlichen aufgefallen ist, dass es überhaupt hier hängt. Lasst uns wieder zur Tagesordnung übergehen! Es kann auch nicht sein, dass ein Moderator in der ZiB – und damit der meistgesehenen Nachrichtensendung des Landes – in einer Follow Up Meldung am Tag nach einem großen Bericht über Josef Geisler und dessen misogynen Ausritt lapidar erklären kann: „Allerdings hat sich Geisler entschuldigt.“ Derartiges hat keine Vorbildfunktion. Wenn ihr etwas an einen großen Personenkreis tragt, sind das nicht nur Personen wie ihr. Es sind nicht ausschließlich eure Spiegelbilder. Es sind auch Kinder. Und es sind jene, die es betrifft! Ein Mann, der das Fehlverhalten eines anderen Mannes gegenüber Frauen entschuldigt, ist kein Vorbild, er ist ein Komplize. Es wäre nicht verwerflich, wenn ein Mann die Position einer Frau einnimmt und analysiert, was Männer besser machen könnten. Dann wäre er kein Komplize, sondern ein Verbündeter. Und davon bräuchte es mehr. In den Medien ebenso wie in der Gesellschaft.

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