Annemarie Selinko, Journalistin und Schriftstellerin

Teil 2 – Erfolg als Schriftstellerin

Eine unbedeutende kleine Ecke in Wien-Wieden ist nach Vicki Baum benannt. Die Journalistin und Bestsellerautorin war 1888 in der Stadt zur Welt gekommen und hatte einige Zeit im 4. Bezirk gewohnt. Später hatte die Erfolgsschriftstellerin ihre Heimatstadt in Richtung Deutschland verlassen und war danach in die USA gezogen. 1937 – und damit nur wenige Jahre nach ihrem Welterfolg »Menschen im Hotel« – war eine andere Wienerin in ihre Fußstapfen getreten: Annemarie Selinko. Die heute auf den Tag genau vor 108 Jahren geborene Wienerin zählte neben Vicki Baum zur erfolgreichsten Autorin deutschsprachiger Unterhaltungsliteratur. Nach Teil 1 über „Die Journalistin Annemarie Selinko„, geht es hier in Teil 2 um „Die Schriftstellerin Annemarie Selinko“.

»Désirée« – Der Film

Es war ein regnerischer Nachmittag, der danach verlangte, sich einen alten Kostümschinken reinzuziehen. Keinen aktuellen Blockbuster der vergangenen Jahre, keinen Pre-Code-Film mit wenig versteckten Anzüglichkeiten, keine – ach, so geliebte – Screwball Comedy. Nein, ein Hollywood-Film aus den Anfängen der Technicolor musste es sein. Die Wahl fiel wieder einmal auf den 1954 gedrehten Film »Désirée«. Er lebt von der Spritzigkeit und überzeugenden Unbedarftheit der jungen Jean Simmons und dem Heranreifen ihrer Figur. Er leidet aber auch unter einem überbewerteten Marlon Brando, der mit zusammengekniffenen Augen als Napoleon Bonaparte durch die Studio-Dekoration stapft. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, nachzusehen, von wem die Vorlage dazu stammte. Zu meiner großen Überraschung hatte sie eine Wienerin geschrieben. Eine Wienerin, die genau wie Vicki Baum, einige Jahre in Wien-Wieden zugebracht hatte. Sie war bereits mit ihrem Erstlingswerk in der Zwischenkriegszeit schlagartig bekannt geworden.

Ich war ein häßliches Mädchen

Mit »Ich war ein häßliches Mädchen« gelang der erst 23-jährigen Annemarie Selinko ein Sensationserfolg. Darin erzählt sie von der 18-jährigen Anneliese, die nach der Matura eine Perspektive und ihren Platz im Leben sucht. Aufgrund des Einflusses eines prominenten Mannes geht mit dieser Suche eine äußere Veränderung einher. Maßgeblich für den Erfolg war wohl der Vorabdruck ab dem Frühjahr 1937 als Fortsetzungsroman bei Annemarie Selinkos Arbeitgeber, dem Wiener Tag. Aus Anlass dieser Veröffentlichung räumte die Zeitung ihr in der gleichen Ausgabe an anderer Stelle Platz ein, wo sie ihre Hauptfigur in die Welt entließ. Erst später erschien der Roman auch beim Zeitbild-Verlag in Buchform und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. 1943 wurde er erstmals in Dänemark verfilmt. 1955 folgte in Deutschland eine Verfilmung durch Wolfgang Liebeneiner, mit Sonja Ziemann als Anneliese.

Morgen ist alles besser

Auf dieses Erstlingswerk folgte schon im Jahr darauf Annemarie Selinkos zweiter Roman „Morgen ist alles besser“. Auch hier ist die Protagonistin mit Toni Huber eine junge Frau, die mit Ach und Krach die Matura schafft. Sie findet rasch eine Stelle beim Radio und wird dort durch Zufall zum Star. Annemarie Selinko lässt in „Morgen ist alles besser“ auch ein wenig ihrer eigenen Biographie einfließen. Denn der Vater der Protagonistin ist ein Rittmeister a. D., genau wie es ihr eigener Vater, Felix Selinko, war. Zudem ist anzunehmen, dass sie nach der Trennung der Eltern 1920 – die Scheidung folgte 1926 – bei ihrem Vater blieb, während ihre Schwester Liselotte bei der Mutter wohnte. Vom Inhalt her anrührend, bleibt Annemarie Selinko ihrem aus ihren Zeitungsreportagen bekannten Stil treu. Sie setzt auf Wiederholungen und lässt Toni sich in verschiedenen Situation als klein bezeichnen.

Bereits im Jahr darauf wurde der Roman unter dem Titel „Morgen Gaat ‚t Beter“ mit der in der Zwischenkriegszeit populärsten Schauspielerin des Landes, Lily Bouwmeester, als Hauptdarstellerin in den Niederlanden verfilmt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Annemarie Selinkos persönliche Situation bereits massiv verändert. Was folgte, war ein Leben, das selbst genügend Stoff für einen Roman bieten würde. – Bei ihrer journalistischen Arbeit beim Völkerbund in Genf hatte sie den dänischen Diplomaten Erling Kristiansen kennengelernt und 1938 geheiratet. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ zogen die beiden in seine Heimat. Aufgrund ihrer Bekanntheit durch veröffentlichte Romane fand sie umgehend Arbeit bei mehreren skandinavischen Presseagenturen.

Heut heiratet mein Mann

Parallel dazu setzte sie ihre schriftstellerische Arbeit fort. Bereits im März 1940 erschien ihr dritter Roman „Heut heiratet mein Mann“. Das allerdings nicht mehr bei einem deutschsprachigen Verlag, sondern als eines der letzten Bücher vor der Besetzung der Niederlande in Amsterdam. Die Nationalsozialisten setzten es umgehend auf den Index. Was vielfach, und bei ungenauer Betrachtung, als reine Unterhaltungsliteratur bezeichnet wird, ist ein unterhaltsam geschriebenes Zeitzeugnis. Wie schon in den vorangegangenen Büchern ist die Protagonistin hier ebenfalls Wienerin. Genau wie ihre geistige Mutter, Annemarie Selinko, ist auch Modezeichnerin Thesi Poulsen gezwungen aufgrund des Kriegsausbruchs nach Dänemark zu flüchten. Sie lernt zwei interessante Männer kennen, von denen einer sie heiraten will, während Thesi entdeckt, dass sie immer noch ihren geschiedenen Mann liebt, der unmittelbar vor seiner neuerlichen Hochzeit steht.

Dass Annemarie Selinko keine reine Unterhaltungsautorin war, sondern Schweres einfach leicht schrieb, zeigt auch ein Brief Selinkos an Franz Theodor Csokor: »Es ist der erste Roman, den ich mit dem inneren Knacks geschrieben habe, den ich damals in Wien gekriegt habe.«

Mitte der 1950er Jahre, als dem Kinopublikum in den Jahren des Wiederaufbaus bevorzugt leichte Kost serviert wurde, wurde auch dieses Buch unter dem leicht geänderten Titel »Heute heiratet mein Mann« verfilmt. Die Hauptrollen waren mit Liselotte Pulver, Johannes Heesters und Paul Hubschmid besetzt. Die Handlung jedoch war in die Gegenwart verlegt. Im Buch beschriebene Umstände, wie Krieg und Angst um zurückgelassene Angehörige, wurden in dem reinen Unterhaltungsfilm entsprechend ausgespart.

Größter Erfolg als Schriftstellerin

Rund 14 Jahre nach Erscheinen ihres ersten Buches gelang Annemarie Selinko 1951 schließlich mit dem einleitend erwähnten „Désirée“ der größte schriftstellerische Erfolg. – Anlass übrigens für Neues Österreich ihren Erstling als Fortsetzungsroman zu veröffentlichen. – In »Désirée« beschreibt sie in Tagebuchform das Leben der Seidenhändler-Tochter Eugénie Désirée Clary aus Marseille über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Die historische Figur war die erste Liebe Napoleon Bonapartes und spätere Ehefrau von Jean-Baptiste Bernadotte – und damit Gründungsmutter des heute noch bestehenden schwedischen Königshauses.

Entstehungsgeschichte und Widmung des Buches sind eine tiefere Betrachtung wert. Annemarie Selinko lebte gerade zwei Jahre in Kopenhagen, als die Nazis Dänemark besetzten. Sie ging daraufhin in den Widerstand und wurde kurzzeitig von der Gestapo festgenommen. 1943 gelang ihr und ihrem Mann versteckt in einem Fischerboot die Flucht ins neutrale Schweden. In Malmö arbeitete sie bei einer Nachrichtenagentur und beim Roten Kreuz. Zu Kriegsende beteiligte sie sich an der Aktion des Grafen Folke Bernadotte, einem Nachfahren Désirées und Jean-Baptistes, bei der 30.000 KZ-Insass:innen nach Malmö geholt wurden. Sie sollte erst später erfahren, dass die Nazis ihre Schwester Liselotte und deren vierjährige Tochter Antoinette in Auschwitz getötet hatten. Ihre Mutter Grete überlebte, beging jedoch ein Jahr später in Dänemark Suizid.

In Erinnerung an ihre jüngere Schwester widmete Annemarie Selinko dieser das Buch, das sie als Dank für die selbstlose Aktion des Grafen verfasst hatte. Auf mehr als 800 Seiten macht sie darin Geschichte lebendig und historische Personen nahbar. Bemerkenswert daran ist, dass sie zum Zeitpunkt des Schreibens schon mehr als ein Jahrzehnt in einem Land gelebt hatte, in dem niemand in ihrem Umfeld mit ihr Deutsch sprach. Entsprechend schwierig war es für sie, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken. Mit einer Gesamtauflage von mehr als 2,8 Millionen Exemplaren gilt »Désirée« heute als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Unterhaltungsromane. Wobei Annemarie Selinko diese Einordnung nicht gerecht wird.

Privat begleitete Annemarie Selinko in den folgenden Jahren ihren Mann zu seinen jeweiligen Stationen als dänischer Botschafter. Gemeinsam hatten sie den 1948 geborenen Sohn Mikael, der nach Beendigung seines Jus-Studiums 1972 bei der Studienabschlussfeier tödlich verunglückte. Wohlhabend geworden, gründeten sie den Annemarie og Erling Kristiansens Fond, der Stipendien an Studierende der Wirtschaftswissenschaften vergibt. Zudem riefen sie in Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn den »Mikael-Kristiansen-Pris« ins Leben.

1986 starb Annemarie Selinko 71jährig in Dänemark. Erst vor einigen Jahren wurde sie als wichtige Stimme, die mehr war als »nur« Unterhaltungsautorin, von der Literaturwissenschaft wiederentdeckt. Der Milena-Verlag legte zudem ihre Werke neu auf. Während sich die Fangemeinde dadurch vergrößert, bleibt es an einer Stelle erstaunlich still: In ihrer Heimatstadt Wien erinnert im öffentlichen Raum nichts an Annemarie Selinko. Die einzigen Spuren sind digital im Wiener Stadt- und Landesarchiv zu finden: Die mit ihrem Namen versehenen Meldezettel ihrer verschiedenen Wiener Privatadressen.

Es wäre hoch an der Zeit, dass sich das ändert!

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