Mann schlägt Frau – wenn es um den Einsatz der Stimme geht

 
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Sobald es um professionelles Sprechen geht, ist es wie bei der Verfügbarkeit attraktiver Rollen in Film und Theater: Zuerst kommen die Männer! Schuld daran sind neben dem Klischeedenken, die Natur und auch die Frauen selbst.

Schon, als ich vor fast 20 Jahren mit meiner eigenen Sprechausbildung begonnen habe, ist mir nahe gelegt worden, keine allzu großen Erwartungen an Sprecherjobs abseits meiner Radiotätigkeit zu haben. Ich habe diesen Ratschlag als individuelle Erfahrung abgetan und aufgrund meiner subjektiven Wahrnehmung von Radio- und Fernsehspots derartige Jobs sehr wohl erwartet.

Testosteron verkauft akustisch – Östrogene optisch

Nach einigen Jahren war die kleine Optimistin in mir aber bezwungen und ich musste eingestehen: Es stimmt! Tiefe Männerstimmen sind gefragter. Und das nicht nur von den Tonstudios, sondern auch von den Kunden. Wenn man sich Werbeblöcke im Fernsehen ansieht und anhört, könnte man meinen: Testosteron verkauft akustisch – Östrogene optisch.

Vielfach laufen Schauspielerinnen durchs Bild. Die Stimme aus dem Off – oder mitunter auch aus dem On – stammt aber meist von einem Mann. In Zahlen ausgedrückt heißt das: 8 von 9 Werbespots werden von Männern gesprochen.

Ganz ähnlich ist die Verteilung, wenn es um jene Bereiche bei den Eigenproduktionen von TV-Sendern geht, die die meisten Zuseher generieren oder anders gesagt, die höchste Quote haben: Nachrichten, Sport und Unterhaltung – Die Sportkommentatorinnen im deutschsprachigen Raum lassen sich an einer Hand abzählen, große Abendshows werden Frauen mit wenigen Ausnahmen nicht zugemutet und speziell die angelsächsischen Newsrooms sind bevorzugt männlich dominiert.

Für Overvoicing bei Dokumentationen oder Industriefilme werden fast ausschließlich Männer genommen. Sprecherkolleginnen kommentieren das nicht selten mit: „Offenbar traut man uns Frauen die Kompetenz dafür nicht zu!“

Es klingt also ganz danach, als würden sich Geschlechterstereotype hartnäckig halten und man brauchte auf der Suche nach einer Lösung des Problems nur über den angeblichen Verursacher – und damit schlicht Männer – klagen.

Dabei sind Männer laut einer nicht mehr ganz neuen britischen Studie gänzlich unschuldig daran. – Eine Studie im Übrigen, die kurioserweise Jahre später als „aktuell“ in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.

Die weibliche Stimme ermüdet das männliche Hirn

Deren Erkenntnis besagt: dass uns Frauen der Weg zum Mikro für Sprecherjobs verwehrt wird, habe die Natur so eingerichtet. Das männliche Hirn ist schlicht nicht dafür geschaffen, zu erfassen, was eine Frau sagt! Es klingt wie ein schlechter Witz: Für weibliche Stimmen ist eine schnellere Hirnaktivität gefragt. Sobald das männliche Hirn schneller läuft, ermüdet es – und damit ist nach kurzer Zeit auch schon wieder Schluss mit Zuhören.

Was bei der Suche nach dem Sündenbock aber wohl besonders unangenehm berührt: Wir Frauen haben es uns teils selbst zuzuschreiben, dass wir bei der Spotproduktion im Sprecherberuf hintangereiht werden. 70-80 Prozent aller Kaufentscheidungen werden von Frauen getroffen. Und was machen wir daraus?

Wir verfallen dem klassischen Reiz, wonach eine tiefe Männerstimme für Autorität steht und vertrauenserweckend, glaubwürdig und seriös wirkt. Frauenstimmen sollen aus psychologischer Sicht lediglich Aufmerksamkeit erzeugen. Was hat uns das eingebracht: Wir haben die Herrschaft über die Navis! Mit dem virtuellen Verärgern von Autofahrern – und ja, auch Autofahrerinnen – ist es aber auch schon getan.

Sprecherjobs für Frauen unterliegen Trends

Zwar ist der Job, Werbespots zu sprechen, eben nicht gänzlich exklusiv Männern vorbehalten und es gibt vereinzelt sehr wohl Frauenstimmen. – Wer aber genau hinhört, erkennt, dass Sprecherjobs für Frauen Trends unterliegen. Seit geraumer Zeit schon sind für Werbejingles in Österreich hohe piepsige Stimmen gefragt. Der Grund dafür: Sie klingen einfach jünger und gelten damit als am besten geeignet für die werberelevante Zielgruppe.

Wie schon erwähnt, ziehen auch Schauspielerinnen bei Rollen in Film und Theater den Kürzeren. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass die meisten und auch die meisten interessanten Rollen auf Männer zugeschnitten sind. Eine US-Studie zu Film und Fernsehen und nicht zuletzt Patricia Arquette in ihrer diesjährigen Oscar-Rede, haben zuletzt vermehrt auf diese Diskriminierung aufmerksam gemacht.

Das bedingt jedoch, dass für die Synchronisierung von im nicht deutschsprachigen Ausland hergestellten Filmen ebenfalls vermehrt Männer benötigt werden. Und hier geht der Kreislauf weiter: Viele dieser Sprecher sind es dann auch, die mit dem Trumpf, deutsche Stimme eines – zumeist US-Stars – zu sein, für Spots häufiger nachgefragt werden.

Um zu den TV-Spots zurückzukehren: Nein, es kann auch keine Genugtuung sein, zu wissen, dass Männer – wenn sie schon so viel häufiger vorkommen als Frauen – in der Werbung zumeist als Trottel dargestellt werden. Schließlich muss man nur in diverse soziale Medien eintauchen, um festzustellen, dass Diskriminierung von Frauen wie auch Männern von aufgeklärten Vertretern beider Geschlechter immer weniger goutiert wird.

Beendet den Sexismus und gebt Frauen mehr Sprecherjobs!

Dieser gesellschaftliche Umdenkprozess beim Thema Diskriminierung sollte an sich schon Grund genug sein, auch in der Sprecherszene eine Änderung herbeizuführen. Auch wenn die Werbeforschung ihn noch so sehr begünstigt, beendet den Sexismus und gebt Frauen mehr Sprecherjobs! Das wäre dann auch eine wohltuende akustische Abwechslung zu den Männerstimmen aus Politik, Wirtschaft und Sport, denen wir ohnehin täglich ausgesetzt sind.

Wie seht ihr das Thema Sprecherjobs? Nehmt ihr dieses Ungleichgewicht überhaupt wahr? Und welche Lösung könntet ihr euch vorstellen? Freue mich auf eure Antworten.

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