Intellektueller Treffpunkt und Ideenschmiede Salon

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Foto © Karin Fenz privat

Der private Salon als intellektueller Treffpunkt hat einen ganz eigentümlichen Reiz. Das mag daher rühren, dass er in seiner ursprünglichen Form unwiederbringlich ist. Angesehene, einflussreiche und wohlhabende Frauen luden dabei ausgewählte Künstler, wie Maler, Literaten und Musiker aber auch Politiker zum intimen Austausch in die eigenen Räume. Zumeist war es ein Abendessen, bei dem sich die Gäste zwanglos unterhielten und die eine oder andere Idee gebaren.

Schon seit dem 17. Jahrhundert gab es eigene Salons für Literatur, für Musik, für bildende und darstellende Kunst, für Politik, oder eben auch jene, in denen Vertreter all dieser Bereiche im zumeist künstlerisch interessierten Kreis aufeinander trafen. Geleitet wurden diese Salons ausschließlich von Frauen, die selbst auf die eine oder andere Weise künstlerisch tätig waren. Da ihnen das Zusammenkommen in der Öffentlichkeit noch schwer oder unmöglich gemacht wurde, waren diese Treffen etwa bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges für sie die einzige Möglichkeit zum regen intellektuellen Austausch.

Beim Wien der Jahrhundertwende kommt man an einem Namen nicht vorbei: Berta Zuckerkandl – Als Kulturjournalistin für die Wiener Allgemeine Zeitung und das Neue Wiener Journal war sie wie nebenbei auch die letzte und wohl bedeutendste Wiener Salonière.

Bei den unzähligen Büchern zu europäischen Salons, zum Wiener, Pariser oder Berliner Salon, stechen ihre Erinnerungen „Österreich intim“ ganz besonders heraus. Bei der Lektüre dieser 1942 erschienenen Memoiren wünschte ich, nur eine halbe Stunde mit ihr verbringen zu können, um noch weiteren Anekdoten und interessanten Ereignissen wie diesem über Johann Strauss Sohn und Alexander Girardi zu lauschen.

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In ihrem Salon in der Oppolzergasse in der Wiener Innenstadt oder zuvor in der Nußwaldgasse unweit der Zacherlfabrik sind in ihren Räumen die wichtigsten Politiker und Künstler ihrer Zeit ein- und ausgegangen und haben dabei teils für diese Ära bedeutende Ideen gehabt oder richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Dazu zählt etwa die Gründung der Secession.

Karl Kraus als Gegner ihres Vaters, Moriz Szips, nannte sie wenig schmeichelhaft eine Hebamme der Kultur und Kulturschwätzerin. Wobei sich die Anzahl der Frauen, die sich der Gewogenheit Kraus‘ erfreuen durften, wohl an einer Hand abzählen ließen – sofern dieses Privileg überhaupt einer zuteilwurde.

Denn tatsächlich öffnet Zuckerkandl in ihren 50 Jahre umspannenden Erinnerungen ein klein wenig eine uns heute verschlossene Türe. Zumeist sind ihre Beschreibungen liebenswürdig und diskret. Und sie schildert sehr anschaulich, mit welchen Politikern sie im geheimen als Diplomatin und Friedensstifterin zu tun hatte. Nur einmal ist sie auffallend abwertend: bei der Person des am 28. Juni 1914 erschossenen Kronprinzen Franz Ferdinand. Sie lässt dabei das Bild eines selbstgerechten, überheblichen und aufbrausenden Egomanen aufleben.

Aus heutiger Sicht klingen ihre niedergeschriebenen Erinnerungen nach Namedropping von der Zeit des Fin de Siècle bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dem damaligen Patriarchat entsprechend, beschreibt sie vor allem Begegnungen mit bedeutenden Männern. Zu diesen zählen: Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Otto Wagner, Gustav Klimt, Hugo von Hofmannsthal, Julius Tandler und auch Egon Friedell:

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Mit Unterstützung ihres Mannes, des nicht minder berühmten Mediziners Emil Zuckerkandl, hat sie sich aber auch als Ehestifterin ihrer Freundin Alma Schindler (der späteren Alma Mahler-Werfel) mit Gustav Mahler hervorgetan.

Mir gefällt die Idee, dass man sich in angenehmer und ungezwungener Atmosphäre im kleinen Kreis mit Menschen über Inhalte austauschen kann und sich nicht krampfhaft in Smalltalk ergehen muss. Seit einigen Jahren gibt es in europäischen Großstädten wieder Salons – und speziell solche für Literatur. Wenn aber wie etwa in Wien in den Salon Z (Z steht für Zuckerkandl) in der Oppolzergasse über dem Cafe Landtmann Hunderte ausgewählte Menschen geladen und dort Vorträge gehalten werden, dann hat das mit der ursprünglichen Ungezwungenheit nichts mehr gemein.

Berta Zuckerkandl ist vor genau 70 Jahren am 16. Oktober 1945 in Paris gestorben – und mit Blick auf ihre Erinnerungen lässt sich sagen: sie fehlt.

Ein Interview mit Berta Zuckerkandls Nichte Hermine Müller-Hofmann findet sich in der Österreichischen Mediathek.

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